„Kontinentales Bündnis“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: ZUERST! Deutsches Nachrichtenmagazin • 4/2015   
Donnerstag, den 12. März 2015 um 23:59 Uhr

ZUERST! Deutsches Nachrichtenmagazin • 4/2015 - Otto von Bismarck, 1815-2015 (Trifkovic, Zuerst)

Der serbisch-amerikanische Geopolitik-Experte Prof. Dr. Srdja Trifković gilt als ausgezeichneter Bismarck-Kenner. Im Gespräch mit ZUERST! erklärt er, was Otto von Bismarck heute wohl alles anders machen würde

„Kontinentales Bündnis“ ZUERST! Deutsches Nachrichtenmagazin • 4/2015

Prof. Dr. Srdja Trifković, geboren 1954 in Belgrad, gehört zu den weltweit herausragenden Experten der Geopolitik. Er studierte Politikwissenschaften in Großbritannien und promovierte an der Universität Southampton.

Trifković lebte und lehrte später in den USA, wo er bis 2008 Direktor des „Center for International Affairs“ am Rockford-Institut war. Heute lehrt Srdja Trifković Internationale Beziehungen an der Universität von Banja Luka (Bosnien-Herzegowina). Trifković schreibt zudem regelmäßig Artikel in geopolitischen Fachmagazinen und ist Autor mehrerer Bücher.

Herr Prof. Trifković, würde Otto von Bismarck heute die europäische Landkarte betrachten – wie würde er wohl reagieren?

Trifković: Er wäre wohl zunächst schockiert darüber, daß die deutsche Ostgrenze heute an Oder und Neiße verläuft. Otto von Bismarck war ja bekanntlich Preuße. Seiner Ansicht nach dürften Städte wie Königsberg, Danzig oder Breslau im eigentlichen Sinne „deutscher“ gewesen sein als die rheinischen Provinzen. Sein erster Eindruck dürfte also sein: Deutschland ist nach Westen „verrutscht“, und ein wichtiger soziokultureller Bereich seines Deutschlands ist verlorengegangen. Wenn er diesen ersten Schock überwunden hätte, würde er sich die europäische Landkarte noch einmal etwas genauer ansehen. Die große Distanz zwischen Deutschland und Rußland würde ihn wohl völlig verblüffen. Wir haben heute dort, wo zu Bismarcks Zeit die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Rußland verlief, eine Art „Groß-Polen“, das damals nicht existierte. Und frühere Provinzen des Russischen Reiches wurden plötzlich eigenständige Staaten wie die drei Balten-Republiken, Weißrußland und die Ukraine. Bismarck würde darin wohl eine Art „Pufferzone“ zwischen Deutschland und Rußland sehen. Vor allem er, der immer einen großen Wert auf ein starkes deutsch-russisches Bündnis gelegt hatte, würde sich fragen, wie das alles so kommen konnte. Er würde mit Sicherheit überlegen, wie man ein solches kontinentales Bündnis heute wieder zum Leben erwecken könnte. Das wäre eine typische* diplomatische Herausforderung für ihn: Wie schließt man ein solches Bündnis zwischen Berlin und Moskau, ohne die dazwischenliegenden kleineren Staaten allzusehr gegen sich aufzubringen?

Was würde er denn Angela Merkel raten?

Trifković: Er würde ihr wohl den Ratschlag geben, daß, wenn sie schon kein Bündnis mit Rußland schließen kann, sie sich doch wenigstens um eine bessere Balance der Beziehungen zu Washington einerseits und zu Moskau andererseits bemühen sollte. Der Realpolitiker Bismarck wäre wohl klug genug zu sehen, daß heute eine Wiederaufl age des Dreikaiserbundes von 1881 kaum möglich ist, sich dafür aber andere Optionen ergeben.

Mit Sicherheit wäre auch der Krieg in der Ukraine ein Thema für Bismarck…

Trifković: Deutschland hat sich unter Angela Merkel sehr einseitig im Falle der Ukraine positioniert, ein Bismarck hätte das niemals so gemacht. Er war stets bemüht, sein Land nach allen Seiten hin abzusichern. In der Ukraine können wir ganz klar ein Washingtoner Krisenszenario beobachten, auch einem Bismarck bliebe das garantiert nicht verborgen. Typische „Bismarcksche Politik“ im Falle der heutigen Ukraine wäre: Berlin tritt als ein verläßlicher und neutraler Schiedsrichter europäischer Politik auf – und eben nicht als transatlantischer Vorposten.



 
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